Grüne Wähler haben den größten ökologischen Fußabdruck. Mit dieser Wahrheit schockierte uns alle eine Studie des Umweltbundesamtes schon vor Jahren. Stark vereinfacht ausgedrückt ist es wohl so, dass Grüne Wähler besserverdienende Akademiker sind, die mit Ihrem ganzen Geld einfach unheimlich viel konsumieren müssen und teure Fernreisen machen. Bio-Tourismus in Goa emittiert am Ende halt doch mehr CO2 als der Kasten Bier auf Balkonien. Und der teure Bioapfel aus der Lausitz muss eben auch im Februar sein. Wobei uns dort inzwischen Studien desillusionieren: der regionale Bioapfel hat im Februar durch seine monatelange Lagerung mehr CO2 auf dem Gewissen als der Apfel, der aus Neuseeland eingeflogen wird. Komplizierte Geschichte, das mit dem Ökodasein. Aber scheinbar haben es auch die Anhänger anderer Lager schwer, im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends stringent zu leben.

Ich hatte schon länger den Eindruck, dass die Rosa-Luxemburg-Demo, jährlich im Januar, seit dem Weggang und dem späteren Ende der Love Parade neben dem CSD und dem Karneval der Kulturen immer mehr zu einer der großen Spaßveranstaltungen geworden ist, zu der ungezählte Demotouristen nach Berlin kommen.

Sowieso sind Demotouristen inzwischen vermutlich ein nicht mehr wegzudenkender Wirtschaftsfaktor in der Hauptstadt. Ganze Hotels müssen davon leben, dass jede Interessensvertretung unbedingt in Berlin und nirgends sonst demonstrieren muss. Wenn der emsländische Wellensichtichzüchterverband in Meppen demonstriert, ist das zwar nett, juckt aber keinen. Und so stehen alle 18 Mitglieder an einem eisigen Mittwochvormittag vor dem Bundeslandwirtschaftsministerium, protestieren gegen irgendeine Verordnung die sowieso in Brüssel und nicht in Berlin verzapft wurde und wundern sich, dass es hier erst recht keinen kümmert. Erst als Friedhelm zum zweiten Mal binnen einer Stunde von den vorbeiziehenden Anführern bedeutend größerer Demos gebeten wird, mal kurz zur Seite zu gehen, merken sie, dass da was falsch läuft. Und so genießen sie fortan einfach ihre freien Tage in Berlin. So ging es letztlich ja auch der Love Parade (gut, die musste niemandem Platz machen, die Leute haben einfach direkt alle politischen Forderungen vergessen und ihre Zeit genossen) und auch dem CSD. „CSD ist eine Abkürzung? Da gibt eine politische Forderung? Nein, das glaub ich nicht…!“ Und ich befürchte, die Rosa-Luxemburg-Demo hat ein ähnliches Schicksal vor sich.

Während es früher mal um harte politische Forderungen ging (in meiner Fantasie sehe ich noch linke Studenten in den ausgehenden 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in wilden Straßenschlachten mit der Polizei), so weiß die offizielle Webseite dieser politischen Vorzeigeveranstaltung über die letztjährige Demo zu berichten: „An der Demonstration im Rahmen der diesjährigen Luxemburg-Liebknecht-Ehrung nahmen über 12.000 Menschen teil, darunter viele junge Demonstranten. Die Demonstration verlief kämpferisch und diszipliniert. Im Rahmen der Demo gab es keine Zwischenfälle.“ Ende der Meldung. Kein Scherz. Das ist alles, was der eigenen Webseite dazu zu entlocken ist. Ohne Zwischenfälle. Diszipliniert.

Zwei dieser „vielen jungen Demonstranten“ erlebe ich gerade live im ICE. Ich komme aus Darmstadt. Ich bitte Sie, sich dieses unwichtige Detail einmal kurz zu merken. Darmstadt. Für die Berliner: Das ist ein Provinzkaff unweit von Frankfurt. Im Krieg zerstört und als Modellstadt für die Architektur der 50er wiedererrichtet. Ein weiterer Beweis für die Allgegenwärtigkeit von Bielefeld. Darmstadt. In Frankfurt steigen zwei junge Menschen zu, die am Vierertisch neben mir Platz nehmen. Er, ich nenne ihn Rolf, legt eine Zeitung auf den Tisch, die ich noch nie gesehen habe und die ich nach einigen Minuten als Parteiorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands ausmachen kann: „Die Rote Fahne“. Spannend, denke ich mir schon und nehme meine Kopfhörer ab. Ich schätze Rolf auf 16. Seinen Intellekt auf zehn. Sie, ich gebe ihr den Namen Sahra, sieht aus wie zehn, spricht dafür wie mit 17. Man ist auf dem Weg nach Berlin, soviel wird schnell klar. Man kennt sich nicht sonderlich gut, ist also kein Paar, sondern in irgendeiner Weise nach Berlin delegiert worden. Zu besagter Demo.

Das Gespräch mäandert zunächst einige Zeit um die Deutsche Bahn. Der ursprünglich gebuchte Zug scheint ausgefallen zu sein und für die Umbuchung hat die Bahn scheinbar Geld kassiert. Dass die Deutsche Bahn, wohlgemerkt ein hundertprozentiges Staatsunternehmen, doppelt kassiert hat, regt mich ja sogar als Betriebswirt schon stellvertretend für die beiden mit auf. Rolf beschließt das Gespräch hingegen mit gekonnt kommunistischer Rhetorik: „Naja, die Bahn will ja auch leben….“.

Ich bin beeindruckt und beschließe, mir mehr von diesem kämpferischen Nachwuchs anzuhören.

Die „Rote Fahne“ ist nicht nur äußerst dünn, selbst Rolf ist nach wenigen Minuten gelangweilt von den dürftigen Meldungen über Kim-Jong Un und die Wahrheit über den Untergang der DDR durch Devisenmangel. Und so packt er ganz ungeniert einen amerikanischen Krimi aus der Tasche, der deutlich sichtbar mit einem Spiegel-Bestseller-Listen-Aufkleber verunstaltet wurde. Noch nicht einmal ein Polit-Thriller, denke ich mir. Dem vorbeikommenden, Nicht-Mindestlohn-Mitropa-Mitarbeiter kauft er alsdann auch noch gedankenverloren eine Coca-Cola zum Wucherpreis ab. Ich bin schockiert.

Und während ich ganz unauffällig mein Smartphone zücke, um mir mal die Webseite dieser Organisation anzusehen, habe ich noch etwas Zeit, dieses seltsame Pärchen genauer zu mustern. Die Internetverbindung in der Bahn ist eigentlich immer so schlecht und langsam, dass man zwischen Anwählen und Aufbau einer Seite Zeit hat, die Umsitzenden gründlich zu begutachten. Klar, denke ich mir noch, wenn das die Linken sind, wer soll denn dann auch noch für ein Grundrecht auf Internet in Zügen volkseigener Betriebe eintreten. Die beiden tragen ausschließlich Klamotten amerikanischer Marken, vermutlich produziert in Bangladesch zu Hungerlöhnen. Dann, ganz plötzlich, als ich fast schon vergessen habe, wonach ich suche, öffnet sich eine Seite auf meinem Handy. Ich fluche reflexartig, weil mir einmal mehr Werbung entgegenspringt. Für das neue Smartphone der anderen großen Smartphonefirma. Warum kapieren die nicht endlich, dass ich meinem Hersteller sowieso treu bleibe? Aber halt, das ist nicht irgendeine Webseite. DAS IST die Webseite der KPD. Mit Werbung. Vor meinem inneren Auge zieht Samson aus der Sesamstraße vorbei und macht laut „uiuiuiuiui“.

Ich kann mich allerdings gar nicht recht auf die komplizierten Kampftexte der Webseite konzentrieren, so laut raschelt Sahra jetzt mit imperialistischen Gummibären aus dem Ami-Rucksack, die extra umweltfreundlich in Mini-Tütchen verschweißt sind und bietet diese Rolf an, der diese bis Berlin zur Gänze verspeist haben wird. Der Brückenschlag zu den besserverdienenden Grünen liegt nahe, auch die beiden können es sich scheinbar einfach leisten, Kommunisten zu sein. Die altachtundsechziger Padagogen-Eltern sitzen auf komfortablen Studiendirektorenstellen und der alte Volvo erinnert gerade noch ein bisschen an den Protest von damals.

Dass der vor der Demo stattfindende Kongress nur noch rund einhundert Teilnehmer anzieht, ist den beiden nach kurzem Meinungsaustausch Schnuppe. Die weltfremden Reden, die dort geschwungen werden, interessieren sowieso nicht und glauben kann daran schon lange niemand mehr, noch nicht einmal Rolf und Sahra. Die Hauptsache ist, dass das Wetter schön sonnig und trocken bleibt bei der Demo; wer will schon nass werden bei der politischen Meinungsäußerung. Und natürlich verabreden sich die beiden für den „Schwarzen Block“, also dem Teil der Demo, in dem glatt schwarz gekleidete „Ultras“ mitlaufen, um mal einen Begriff aus dem Fußball zu bemühen. Das Erlebnis steht hier ganz klar im Vordergrund.

Zwischen Wolfsburg und Berlin überrascht Rolf mich dann doch noch einmal. Diesmal mit seinen Geographiekenntnissen. Wissen Sie noch, wo ich eingestiegen bin? Genau, in Darmstadt. Südlich von Frankfurt, wo die beiden dazukamen. „Gleich muss doch Darmstadt kommen“, wird er jetzt nicht müde zu wiederholen, als ob es dadurch richtiger würde. Er wolle unbedingt, dass Sahra in Darmstadt dann mit ihrem imperialistischen Telefon ihren Onkel anriefe, damit dieser die beiden mit dem Auto vom Bahnhof abholen könne. ÖPNV ist doch Mist.

Ein großer Kolumnist hat einmal geschrieben, man könne sich die Platzreservierungen im ICE eigentlich gut merken, indem man Wagen und Platznummer zu einer Jahreszahl kombiniere und dann ein historisches Ereignis aus diesem Jahr memoriere. Ich meine, es war Axel Hacke. Oder Max Goldt. Wer auch immer. Ich verfluche ihn. Ich sitze nie in Wagen 17, Platz 89 und denke an die französische Revolution. Ich sitze grundsätzlich entweder in Wagen 4 auf Platz 24 und frage mich, was um alles in der Welt in dieser Zeit passiert sein könnte, oder in Wagen 38 auf Platz 49 und muss an fliegende Autos aus „Zurück in die Zukunft“ denken. Das schlimme ist, ich kann nicht aufhören, mit mir selbst dieses Spiel zu spielen, auch wenn ich es unsagbar doof finde und ich meist den Akku meines Handys während der Zugfahrt damit verbrauche, auf unfassbar langsam ladenden Webseiten herauszufinden, auf welchem historischen Ereignis ich sitze. Mit meist mäßigem Erfolg. Noch nicht einmal Wikipedia weiß über das Jahr 424 Spannendes zu berichten.

Heute allerdings lohnt es sich. Rolf sitzt auf „Spartakusaufstand“, Sahra auf „Novemberrevolution“, ich beobachte alles von „Hyperinflation“ aus – ich glaube, sie haben es nicht bemerkt…

„Rolf sitzt auf „Spartakusaufstand“, Sahra auf „Novemberrevolution“, ich beobachte alles von „Hyperinflation“ aus – ich glaube, sie haben es nicht bemerkt…“

Spietwehs neue Geschichte wird aber am „Allerseelen“ auf spietweh.de veröffentlicht werden und damit die Bedeutung dieser Zeilen verraten.