Eine Geschichte der Saison 2014-2015: „Zwei ist ’ne Sammlung“

Freunde sind was Tolles. Meistens. Manchmal kommen sie, und da kann ich mich leider auch selbst nicht von freisprechen, auf die irrige Idee, sie müssten Geschenke mitbringen, wenn sie einen besuchen. Dabei freut man sich doch schon, wenn sie einfach nur da sind.

Jetzt ist es so, dass der Entschluss, die gefühlte Verpflichtung, die eigentlich nur selbstauferlegte Verpflichtung, etwas mitzubringen, wenn man eingeladen ist oder sich selbst eingeladen hat, nicht gleich einhergeht mit einer guten Idee, was man denn schönes, nützliches oder leckeres mitbringen könnte.

Wenn zwischen Einladung und Ereignis mehr als eine Woche liegt, kommt erschwerend hinzu, dass man in die „Das-kann-ich-auch-später-noch-überlegen“-Falle gerät. Diese gaukelt dem Besuchenden trügerisch vor, er habe noch unfassbar viel Zeit, über das perfekte Mitbringsel nachzudenken. Was in vielen Fällen dazu führt, dass man am Sonntag gegen 16 Uhr, 1 Stunde vor Aufbruch, zu einer Zeit, wo bekanntlich besonders viele Läden aufhaben, die kreative und ausgefallene Geschenke verkaufen, in Torschlusspanik verfällt und einfach irgendwas irgendwo besorgt. Erfahrene Torschlussmenschen horten Geschenke, die sie selbst erhalten haben, samt Geschenkverpackung und Schleife in einem extra dafür vorgesehenen Schrank, um diese bei Notstand weiterverschenken zu können. Sinnvoll ist hierbei stets, sich zu vergewissern, dass nicht unter dem Geschenkpapier noch eine Grußkarte mit persönlicher Widmung von Tante Trudchen schlummert. Weniger organisierte Zeitgenossen nutzen jetzt, am Sonntag um 16.30 Uhr, den Geschäftssinn der einzigen beiden Stellen, an denen man zu dieser Zeit etwas Sinnvolles erstehen kann: der Tankstelle und dem Bahnhofskiosk.

An dieser Stelle beginnt eine gewisse Schizophrenie: Ein jeder hat schon einmal Geschenke erhalten und weiß die richtige Flasche Wein oder die richtige Schokolade sehr zu schätzen. Viel mehr als die meisten „originellen“ Geschenkideen, die damit zu tun haben, dass die Wohnung dauerhaft voller wird. Gute Freunde wissen eventuell, welche Flasche die richtige ist. Die falsche Flasche oder die falsche Schokolade lassen sich immerhin noch weiterverschenken, während manch originelles Geschenk einem eventuell zu peinlich wäre, um es weiterzureichen. Die Kunst beim Weiterverschenken besteht neben der Grußkarte von Tante Trudchen dann nur noch darin, das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht zu überschreiten, die Weihnachtsdose nicht an Ostern herauszuholen und nichts an den ursprünglichen Schenker zurückzugeben. Alles lösbare Aufgaben – in 90% der Fälle. Aber anstatt etwas verlegen eine Flasche und etwas Süßes abzugeben und dabei zu murmeln, dass einem wirklich trotz langem intensiven Nachdenkens nichts passenderes eingefallen wäre (was sagt es eigentlich über einen aus, wenn Besucher eine Flasche als „passend“ erachten?), kommen Menschen, und da kann ich mich leider auch selbst nicht von freisprechen, immer wieder auf die absurde Idee, die Wohnung des Anderen verschönern zu wollen. Jetzt hat es sich herumgesprochen, dass allzu eifrige und mutige Eingriffe in den Geschmack Anderer in der Regel nicht damit belohnt werden, dass die Geschenke lange bei den Beschenkten verweilen. Also greift man gern auf etwas zurück, das man so ähnlich bereits in der Wohnung des zu Beschenkenden gesehen hat – in der teils irrigen Annahme, er könnte das mögen.

„Du magst doch… und da dachte ich mir…“ – so lauten Sätze, mit denen dann stolz die Geschenke überreicht werden. Dies ist wohlgemerkt auch für Spirituosen möglich. So wuchs während meiner Aachener Zeit der Vorrat an Fläschchen stetig an. 2007 kaufte ich den Grundstock – je eine Flasche Gin, Wodka und Rum anlässlich irgendeiner Feier, zu der dann letztlich nichts davon getrunken wurde. Diese Flaschen, gut sichtbar auf den Hängeschränken der Küche platziert, sind wie von Geisterhand bis zu meinem Wegzug 2013 auf rund 25 Flaschen angewachsen. Wobei zu berücksichtigen ist, dass der Bestand von mir bereits immer wieder ausgedünnt wurde. Im Ergebnis hatte ich einige Umzugskisten, die herrlich klirrten. Auch wenn nicht jede Flasche zu 100% den eigenen Geschmack trifft, so lässt sich damit doch immer etwas anfangen. Zur Not eben weiterschenken oder zum Kochen verwenden. Wie zum Beispiel der furchtbar süße, geharzte griechische Wein, deren Grundstock drei Flaschen bildeten, die es im Restaurant Akropolis zum Essen dazu gab und die sich ebenfalls über die Jahre wundersam vermehrten.

Leider ist die Flasche aber eben nicht das einzige, was sich selbsttätig vermehrt, wenn es sichtbar platziert wird. „Du magst doch… und da dachte ich mir…“ hört man auch, wenn es um wirklich absurde, teilweise furchtbar hässliche Dinge geht. So bekam ich einmal eine Tasse geschenkt, deren „I love Berlin“-Muster nicht sooo sehr meinen Geschmack traf – obwohl der Schenker der Tasse durchaus nett war. Da Polterabende immer seltener werden und der gute Ossi in mir ein Wegwerfen verhinderte („man kann doch nichts wegwerfen, was völlig in Ordnung ist“), landete die Tasse ganz hinten im Schrank, versteckt hinter allen anderen Tassen. Eigentlich unsichtbar und nach einiger Zeit auch vergessen. Freunde haben aber Röntgenaugen. So bekam ich irgendwann passende Frühstücksbrettchen hinzu, mit gleichem Aufdruck. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Die Aussage unterschreibe ich voll und ganz. Berlin ist eine ganz wunderbare Stadt. Ich will nur nicht mit diesem Herzmuster frühstücken. Zumal ich selbst bemüht bin, dass Esszimmer im Stile eines Landhauses an der französischen Küste einzurichten. Die Frühstücksbrettchen kamen von wirklich guten Freunden und so landeten sie halt ebenfalls im Schrank und nicht im Keller oder im Müll.

Ab diesem Punkt wird es gefährlich. Jetzt haben Besucher den Eindruck, es handle sich um eine Sammlung. Jawohl, zwei Objekte sind bereits eine Sammlung. Auch hier muss ich zugeben, ich funktioniere nicht anders. Wenn ich in der Wohnung von Freunden ein Teil entdecke, was nicht unbedingt zur Einrichtung passt und ich demjenigen auch geschmacklich nicht zugetraut hätte, denke ich mir noch nichts dabei. Wird das Gesehene in den nächsten Minuten um einen dazu passenden, weiteren Artikel erweitert, ist klar: der sammelt. Kann er ja nicht für. Liegt halt in unserer Natur. Jeder sammelt irgendwas Unnützes.

„Du sammelst ja… und da dachte ich mir…“ ist folgerichtig die Steigerung von „Du magst doch…“. Und wirkt gleichzeitig als Brandbeschleuniger. Bevor Sie verstehen, wie Ihnen geschieht, sehen sich sämtliche Freunde genötigt, Ihre Sammlung zu erweitern. Schließlich habe die alle etwas passendes dazu im Schrank. Seit Jahren. Von Tante Trudchen.