Leseprobe: All about Berlin

Berlin is einfach Berlin. Ja, die Stelen des Holocaust-Mahnmals zerbröseln schon nach 10 Jahren. Nein, der neue Flughafen ist noch immer nicht fertig. Ja, wir haben 7 Jahre gebraucht, um die Staatsoper zartrosa zu streichen und das hat 400 Millionen gekostet. Na und? Nein, die U5 ist auch 10 Jahre nach der Heim-WM noch nicht fertig verlängert. Wir haben halt erst damit angefangen, als Brüssel den Verbleib der Fördermillionen kontrollieren wollte. Und egal wie lange und hartnäckig unbelehrbare Besserwessis auch behaupten mögen, der größte See sei der Wannsee, es bleibt doch falsch, schon allein weil der Wannsee überhaupt kein See ist sondern nur eine Ausbuchtung der Havel. Die obendrein auch der einzige Fluss ist, an dem „Hertha von der Spree“ liegt. Ja, die Stadtautobahn wird noch unsere Urenkel beschäftigen. Nein, Tempelhof kann man nicht sinnvoller nutzen. Ja, die öffentliche Verwaltung ist gnadenlos kaputtgespart und es dauert nun mal acht Wochen, bis man einen neuen Personalausweis beantragen kann. Was jedes Jahr Zehntausende nicht davon abhält, hierher zu ziehen.

Aber wissen Sie was? Das alles beschäftigt einzig die Berliner selbst. Vielleicht noch die anderen Deutschen, die halb neidisch, halb missgünstig auf Berlin schauen. Oft auch mit großer Schadenfreude, wenn mal wieder was nicht klappt. Den ausländischen Berlin-Besucher ficht das zumeist nicht an. Ich selbst empfange oft und gerne Besucher aus Frankreich oder den USA und die lieben Berlin für alles, was es ist und was sie von Berlin gehört haben. Ins Stocken geratene Sanierungsarbeiten irgendeines Seitenarms des Landwehrkanals sind üblicherweise nicht die Nachrichten, die es bis nach Pennsylvania schaffen. Erstaunlich oft hingegen höre ich Lob über die Ordnung und Sauberkeit, die gesitteten Verhältnisse und das viele Grün.

Liebend gern überlasse ich auswärtigen Freunden meinen Wohnungsschlüssel, auf dass sie allein durch die Stadt manövrieren, die neueste hippe Galerie finden, von der sie gehört haben und nachts in aller Ruhe in keinen Club reingelassen werden. Noch nie, wirklich noch nie, kam nachts um 4 Uhr jemand nach Hause und verlangte noch einen letzten Drink, um über den Flughafen zu sprechen. Was aber mit nahezu 100%iger Wahrscheinlichkeit passiert ist das, was niemand jemals so schön beschrieben hat wie Mark Twain. Der Autor der Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn war mal in Berlin. Und ich bin sicher, nachts um 4, an irgendeinem Tisch in dieser Stadt hat er geflucht:

„(…)Die Benennung der Straßen und die Nummerierung der Häuser. Zuweilen ändert sich der Straßennamen mitten in der Häuserreihe; man merkt dies erst bei der nächsten Ecke und weiß natürlich nicht, wo der Wechsel angefangen hat. In betreff der Hausnummern herrscht ein Chaos wie vor Erschaffung der Welt. Unmöglich kann die weise Berliner Stadtregierung eine derartige Einrichtung getroffen haben. Sie ist eines Blödsinnigen würdig; allein, so mannigfaltige Arten Verwirrung und Unheil anzurichten, wäre ein Blödsinniger nicht imstande sich auszudenken. Oft dient eine Nummer für drei bis vier Häuser, und doch steht sie nur auf einem derselben; dann wieder wird ein Haus z. B. mit Nummer 4 bezeichnet und die folgenden mit 4a, 4h, 4e, so dass man alt und schwach geworden ist, bis man bei Nummer 5 anlangt. Die Folge dieses systemlosen Systems ist die, dass man bei Nr. 1 keine Ahnung hat, ob Nr. 150 ein paar Meilen oder hundert Schritte weit sein mag. Obendrein steigen oder fallen die Zahlen ganz willkürlich; von 50 oder 60 gelangt man vielleicht plötzlich zu 140, 139 u. s. w. und nur ein Pfeil gibt durch seinen Flug die veränderte Richtung an. Es ist um den Verstand zu verlieren, und bis hier nicht Abhilfe geschafft wird, muss man auf das Schlimmste gefasst sein.“

Genauso zumindest hat Mark Twain es niedergeschrieben und genauso fluchen meine Gäste gern. Und ich pflege dann zu sagen, dass sie mit vielem Recht haben, einzig die Reihenfolge der Nummern folge einer Logik, die nur noch in Berlin anzutreffen ist: Dem Hufeisen. An dieser Stelle gucken die Touristen immer ganz verwirrt.

Ich: „Nun, schau, es ist ganz einfach. Du fängst auf der einen Seite mit 1 an zu nummerieren…“
Gast: „Ich habe den Kurfürstendamm Nummer 1 gesucht, zwei Stunden lang!“
Ich: „Ja gut, oder man fängt halt bei 11 an zu nummerieren und dann geht man auf der einen Seite hoch…“
Gast: „Wieso bei 11?“
Ich: „Naja, man hat schon mal bei 1 angefangen.“
Gast: „Und wieso dann 11? Ist das sowas wie 1.1?“
Ich: „Nee, 11 ist schon 11. Das elfte Haus in der Reihe.“
Gast: „Und wo sind die anderen 10?“
Ich: „Die wurden einer anderen Straße zugeschlagen.“
Gast: „Aha, also ist der Kurfürstendamm Nummer 1 jetzt in einer anderen Straße?“
Ich: „Ja. Man hat alles östlich der Gedächtniskirche in Budapester Straße umbenannt.“
Gast: „Und die Hausnummern behalten?“
Ich: „Natürlich nicht. Die Budapester Straße ist ja im Zickzack nummeriert.“
Gast: „Gib mir mal mehr Schnaps. Wie jetzt Zickzack?“
Ich: „Na 1 hier, 2 gegenüber, die 3 dann neben der 1, die 4 gegenüber, neben der 2…“
Gast: „Also ganz normal.“
Ich: „Du brauchst mehr Schnaps. Normal ist Hufeisen.“
Gast: „Die haben Lampions entlang der gesamten Mauer aufgehängt. Voll irre seid ihr.“
Ich: „Lichtgrenze.“
Gast: „Gib mir mal mehr Schnaps. Also… diese Lichtgrenze… Hufeisen?“
Ich: „Ja genau. Prost! Der Kudamm ist also ein Hufeisen. Negativ wirkt sich jetzt vielleicht aus, dass man das aufmalen kann, wie man will, es sieht nie aus wie ein Hufeisen.“
Ich male, der Gast trinkt.
Gast: „Also für mich sieht das bestenfalls aus wie ein Kondom.“
Ich: „Meinetwegen. Wichtig ist nur, dass Du dir merkst, dass die 2 neben der 1 ist und nicht gegenüber.“
Gast: „Ich denke, es gibt keine 1?“
Ich: „Nur am Kudamm.“
Gast: „Und bei dir hier? Die ganze Straße besteht nur aus den Nummern 17 bis 20, obwohl es total viele Häuser sind.“
Ich: „Das kommt dir nur so vor.“
Gast trinkt und überlegt: „Nee… das sind ganz sicher mehr als 3 Häuser bis zum Markgrafendamm.“
Ich: „Ja klar.“
Gast: „Wieso kommt es mir dann nur so vor?“
Ich: „Die anderen Nummern sind ja gegenüber.“
Gast: „Da ist doch gar nichts.“
Ich: „Auch Nichts braucht Hausnummern.“
Gast: „Mehr Schnaps. Und diese Lichtgrenze jetzt…“
Ich: „Lass uns mal kurz beim Kudamm bleiben.“
Gast: „Hm…“
Ich: „Also…“, ich zeige auf meine Skizze, „hier ist die 1…“
Gast: „11!“
Ich: „Du brauchst mehr Schnaps.“
Gast: „Nee nee nee, ich will das jetzt verstehen.“
Ich: „Daran sind schon andere gescheitert.“
Gast: „Challenge accepted.“
Ich: „Hier ist Schnaps. Also pass auf. Die 11 ist hier.“
Gefälliges Grunzen.
Ich: „Dann ist hier die 12, ja? 13, 14, 15… Immer so weiter.“ Ich zeichne die Joachimsthaler Straße.
Gast, noch immer nicht betrunken genug: „Woher weiß ich denn, zu welcher Straße die Eckhäuser nummeriert wurden? Gibt’s da ein System?“
Ich: „Ah, sehr gute Frage. Natürlich nicht. Sogar noch viel besser. Also hier zwischen Joachimsthaler und Fasanenstraße ist so eine Passage…“
Gast: „Da wo so Bären drinstehen?“
Ich: „Ja genau. Alles da drin haben sie mit Nummern vom Kudamm nummeriert, statt es zu einem eigenen Platz zu machen. Alle Eckhäuser an der Fasanenstraße hat man der Fasanenstraße zugeschlagen. Aber an der nächsten Kreuzung, Uhlandstraße, gibt es ein Haus, das hat eine Nummer vom Kudamm obwohl es schon so weit in der Uhlandstraße steht, dass es eigentlich sogar schon die Nummer der nächsten Querstraße, der Grolmann haben könnte.“
Gast: „Na großartig.“
Ich: „Ja pass auf, wird noch besser.“
Gast: „Schnaps!!“
Ich: „Hm. Pass auf. Du hast ja die 1 gesucht. Wofür eigentlich?“
Gast: „Na Kurfürstendamm 1, das klingt wichtig, da wollte ich ein Foto davor.“
Ich: „Ok, also die 1 hat es halt mal gegeben aber dann musste das wie gesagt an die Budapester Straße abgegeben werden. 77 bis 89 hat es nie gegeben. Da hat man den Lehniner Platz eingebaut.“
Gast: „Aber… Aber… Also da ist Kudamm… Da ist Lehniner Platz… Und da ist dann wieder Kudamm?“
Ich: „Jap.“
Gast, siegessicher: „Und die Nummern am Lehniner Platz heißen dann aber 77 bis 89!“
Ich: „Wieso denn das?“
Gast: „Na Du sagst doch, der Kudamm hat die nicht, weil da der Lehniner Platz ist.“
Ich: „Ja und auch immer gewesen war. Aber deshalb haben die Häuser am Lehniner trotzdem kleine Nummern, völlig eigene. Lehniner Platz 1.“
Gast: „Alter!“
Ich: „Ja genau. Pass auf, kommt noch besser. Hier drüben, andere Straßenseite, kommt die Meinekestraße.“
Gast: „Oh Gott, was nu?“
Ich: „Da fehlen dem Kudamm auch Hausnummern. 221 bis 223, wenn ich mich recht entsinne. Die gab es zwar mal, wurden dann aber von der neu angelegten Meinekestraße verschluckt.“
Gast: „Ihr seid irre.“
Ich: „Dit is Balin, wa. Wie weit bist du denn gelaufen?“
Gast: „Na so bis da…“ Er fuchtelt auf meiner Skizze rum.
Ich: „Ach schade, dann hast Du die Wende des Hufeisens ja nicht gesehen.“
Gast: „Na das System hatte ich ja noch nicht verstanden.“
Ich: „Hm, ok. Hier wendet das dann also irgendwo. Und dann geht’s hier zurück und bis zur Gedächtniskirche…“
Gast, in einem letzten hellen Moment: „Also ist die Höhe der Hausnummer gar nicht aussagekräftig darüber, ob irgendwas zentral liegt oder nicht? Ich meine, das sind dann hier ja Nummern in den 200ern und die liegen voll zentral, da gegenüber Deiner ‚11’ und da hinten sind 100er, die sind voll weit weg vom Leben.“
Ich: „Natürlich ist das aussagekräftig. Die 1 ist immer die dem Stadtschloss nächstgelegene Hausnummer.“
Gast, zieht die Augenbrauen hoch: „Stadtschloss….“
Ich: „Ja nu. Hohenzollern halt. Die funktionieren übrigens wie die Hausnummern. Die haben vom 16. bis ins 20. Jahrhundert nur zweieinhalb Vornamen verbraucht.“
Gast: „Zweieinhalb?“
Ich: „Friedrich, Wilhelm oder Friedrich-Wilhelm.“
Gast: „Ach wie in Frankreich. Ludwig 13, 14, 15, 16 und so?“
Ich: „Fast. Eigentlich heißen sie immer nur 1 oder 2 und dann haben sie den Titel geändert.“
Gast: „Titel geändert?“
Ich: „Markgraf, Kurfürst, König, Kaiser, …“
Gast: „Und dann haben die immer wieder bei 1 angefangen?“
Ich: „Jap. Schnaps?“
Gast, in einem letzten Versuch, es doch noch zu verstehen: „Und… und… aber… puh… Hier hinter der Kirche ist dann die Budapester?“
Ich nicke und gieße nach.
Gast: „Und die ist Zickzack?“
Ich nicke weiterhin.
Gast: „Wer entscheidet denn, was hier Zickzack ist und was Lichtgrenze… Kondom… äh… Wie heißt’s? Hufeisen?“
Ich: „Alle Straßen, die nach 1929 neu angelegt wurden, bekommen Zickzack.“
Gast: „Wer legt denn in einer Metropole noch neue Straßen an?“
Ich: „Du hast alles verstanden. Der Rest geht nach Gefühl. Aber zum Beispiel die Straße Im Eichengrund in Siemensstadt, ja? Die wurde 1933 angelegt. Von Siemens. Auf Siemens-eigenem Land. Haben sie sich natürlich an die Regeln gehalten und ordentlich im Zickzack nummeriert.“
Ich brauche eine Weile, die Straße in der App auf meinem Tablet zu finden und zu zeigen.
Gast: „Da ist doch nichts.“
Ich: „Da ist sogar weniger als nichts. Die Straße gehört nicht zu Berlin.“
Gast: „Sondern?“
Ich: „Niemandem. Siemens hatte die wie gesagt auf dem eigenen Gelände und dann haben sie die Werkswohnungen wohl aus Versehen in einem Immobilienpaket verkauft und dann wurde die mehrfach weiterverkauft in anderen Immobilienpaketen und so richtig hat niemand gemerkt, dass die privat ist, bis sie halt so kaputt war, weil niemand sie repariert hat, weil ja keiner zuständig ist und die Stadt will die nu nich’ mehr, weil die ja total hin ist…“
Gast: „Das ist ja bei Eurem Flughafen!“
Ich: „Ich geh schlafen!“