Ich geh’ mit meiner Laterne: die absurde Dauerbaustelle Stralauer Allee

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Henry Spietweh – Ich geh mit meiner Laterne

Podcast-Episode zur Geschichte: 

(und überall, wo es Podcasts gibt)

Februar 2017

In der Stralauer Allee tut sich was. Noch mehr als sonst. Unsere Straße bekommt Parkuhren, Anwohnerparkzone, alles, das ganze volle Programm. Darüber informiert alle Anwohner persönlich ein Brief des Bezirksamts.

Es ist so: Im Herbst 2016 wurde ein neuer Senat gewählt. Die bisherige große Koalition, zunächst angeführt von Klaus Wowereit, später von einem weitgehend Unbekannten namens Michael Müller, hatte keine Mehrheit mehr und so kam ein neuer, rot-rot-grüner Senat zustande. Der Wind der Veränderung wehte kurzzeitig durch die Stadt, Aufbruch, Erneuerung. Und dieser Wind erreicht nun auch unsere Straße.

Ab Juni solle die Parkzone in Kraft treten, die Anträge zur Erteilung der Anwohnerparkausweise kann man schon jetzt stellen, eine Bürgerversammlung ist ebenfalls anberaumt, zu der hiermit eingeladen wird. Insgesamt sieht das für Berliner Verhältnisse erstaunlich gut geplant und vernünftig aus. Ich bin kurz vor der Begeisterung und freue mich auf die vielen freiwerdenden Parkplätze, die dann nicht mehr von Ostkreuz-Fahrgästen blockiert werden.

März 2017

In wochenlanger Arbeit wird neben jede Straßenlaterne der Straße ein neuer Mast gesetzt. Klar, die alten Masten stammen vermutlich noch aus DDR-Zeiten, sind aber immerhin schon aus Metall und hätte man sie mal gestrichen in den letzten 20 Jahren, würden sie auf Bodenhöhe auch nicht so vor Rost blühen. Insgesamt scheinen mir die alten Laternen noch recht stabil. Die neuen sind natürlich aus feuerverzinktem Nirosta-Luxus-Stahl und glänzen schön in der Sonne. Die Form, Dicke, Krümmung und alle sonstigen Eigenschaften der Masten gleichen den alten auf den ersten Blick zu 100%.

Anfang April 2017

Nachdem die Reihenfolge der Mastensetzung etwas, nun sagen wir mal, eigenwillig war, scheint nun aber die Arbeit abgeschlossen. Die Masten auf der gegenüberliegenden, südlichen Straßenseite rutschen einen halben Meter näher an den Bordstein heran, so dass man auf dem breiten Gehweg der anderen Straßenseite nach dem Entfernen der alten Masten vielleicht sogar einen Radweg unterbringen kann, der auf meiner, nördlichen Straßenseite schon vorhanden ist. Schließlich stehen die alten Laternen mitten auf dem Weg. Allerdings wurde ein Mast vergessen. Dort steht weiterhin nur eine alte Laterne. Mittig auf dem Gehweg. Und Bäume sind ja auch da, was soll das nur werden?

1. Mai 2017

Der 1. Mai ist auch nicht mehr das, was er mal war. Auf der anderen Spreeseite, in Kreuzberg, hängen Plakate „Früher haben wir noch Steine geworfen“ – das klingt fast bedauernd. Und während man vor drei Jahren noch am Oranienplatz frisch gerollten Rollrasen aufgeben musste, um nur keine Demonstranten mit dem Bauzaun zu „provozieren“, passiert nun einfach… nichts – auch nicht der Baustelle auf der Stralauer Allee.

Mai 2017

Alle neuen Laternenmasten bekommen einen Leuchtkopf. Der eine fehlende Mast wird nicht ergänzt. Ich bin noch immer nicht über die Gründe des Austauschs im Klaren; ist es der Rost oder eine neue Richtlinie oder die Schaffung eines Radwegs? Im Zuge der Koalitionsverhandlungen munkelte man auch etwas über mehr Radwege – aber bislang hatte ich dazu wenig Konkretes gelesen. Was auch immer es ist, der eine alte Mast hat wohl eine Ausnahmegenehmigung erhalten. An ihm hängt eine Verkehrsmessanlage – irgendwem scheint es zu kompliziert zu sein, diese an einen neuen Mast umzuhängen. Also schraubt man an nur einem Tag einen neuen Leuchtkopf an den alten Masten. Es geht also theoretisch. Fortan erscheint die ganze Straße nachts in warmen, orangenem DDR-Licht mit der Ausnahme dieser einen Straßenlaterne, die nun schon in sportlichem LED-Kühlschrankweiß scheint – am Ende eines DDR-Masten. Interessanter Anblick. Ich wünsche mir jetzt mit einer gewissen Vor-Schadenfreude, dass auf der anderen Straßenseite auf jeden Fall ein Radweg entsteht und die Radfahrer diesen nie nutzen können, weil mitten auf dem Weg eine alte Laterne und mehrere Bäume im Weg stehen. Nicht ohne Stolz blicke ich täglich auf die alte Laterne; ich habe sie Matthis getauft, nach einer Handwerksfirma, von der sie häufiger Besuch bekommt. Die Bäume gießen wir regelmäßig, sicher ist sicher.

Derweil feiert die regelwidrige Eckfahne im Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion Geburtstag. Hier wurde vor genau einem Jahr versucht, ein Kunstrasen-Fußballplatz zu sanieren und dabei wurden die Löcher für die Eckfahnen ganz weit weg gesetzt von der eigentlichen Ecke des durch die permanenten Seitenlinien begrenzten Spielfelds.[1] Ob die gleichen Planer und Bautrupps nun auch bei unseren Laternen am Werk sind?

Juni 2017

Es kommen wieder Bauarbeiter in unsere Straße und verankern neue Parkuhren in den Gehwegen, es soll ja bald losgehen mit der Parkzone. Meinen Anwohnerparkausweis habe ich auch schon erhalten. Zwar ist er handbeschriftet und sieht insgesamt eher improvisiert aus, aber nun, es ist halt immer noch Berlin. Immerhin war er pünktlich da. Ein anderer Bautrupp einer anderen Firma legt alle Parkuhren untenrum wieder frei, schneidet Schneisen in den Asphalt der Gehwege und verbindet die Parkuhren nun auch mit dem Stromnetz. Ein dritter Bautrupp bringt Verkehrszeichen: „Hier links und rechts Parkzone 51 von morgen bis abends, Parken nur mit Parkschein.“ Diese Verkehrszeichen allerdings schraubt der Bautrupp… an die alten Laternenmasten. Unfassbar. Natürlich arbeiten die Männer streng nach Auftrag, sie halten allesamt Pläne in der Hand, in der die Nummern, Namen und Positionen der Trägerlaternen genau vorgegeben sind.

Da es jahreszeitbedingt praktisch nie dunkel wird, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, welche Laterne wie leuchtet.

Juli 2017

Um einige neue Laternen herum wird der Gehweg wieder aufgebrochen und es erfolgt scheinbar ein Anschluss ans Stromnetz. Die Auswahl der betroffenen Laternen erfolgt streng nach dem Zufallsprinzip. Auf der südlichen Straßenseite wird ein neues Hinweisschild für Autofahrer angebracht. Es weist den Weg zur nicht fertiggestellten Stadtautobahn und zum nicht fertiggestellten Flughafen. Toll! Leider kann man es nicht fotografieren, denn es wird exakt durch eine neue Laterne so verdeckt, dass man die Fahrspuren auf der Hinweistafel nicht erkennen kann. Albert Einstein soll gesagt haben, man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden. Ich glaube so langsam, das Bezirksamt ist ein heimlicher Einstein-Fanclub.

August 2017

Ein paar weitere Laternen bekommen die Ehre, einen Stromanschluss zu erhalten. Der Asphalt-Gehweg wurde nun an einigen Stellen allein aufgrund der Laternen schon vier Mal aufgebrochen. Mir fällt auf, dass das Wohnungs-Neubauprojekt auf der anderen Straßenseite eine neue Einfahrt in den Osthafen gebaut hat. Eine Laterne steht etwas ungünstig gerade so am Rande der Einfahrt, so dass ich Wetten mit mir selbst abschließe, wann der erste Baustellen-LKW die neue Laterne umfährt. Schön wäre, wenn die Laterne in einen Zementmischer fällt, denke ich mir.

September 2017

Jemand korrigiert die Anbringung der Parkzonenschilder und hängt diese an die neuen Laternen. Die Tage werden merklich kürzer, so dass man gut erkennt, dass sich wenig getan hat. Matthis strahlt hellweiß, die DDR scheint dunkelorange, der Nirosta-Luxus scheint gar nicht.

Anfang Oktober 2017

Eine ganze Spur der Straße wird gesperrt, um Matthis auszugraben. Zwei Wochen lang. Aber nein, doch nicht. Am Ende steht er wieder. Und leuchtet hellweiß. An unveränderter Position, mitten auf seinem Gehweg.

Mitte Oktober 2017

In einem Beleuchtungsexperiment leuchten die Laternen nun wahllos, neu, alt, oder beides. Das einzige mit Konzept scheint zu sein, dass man dort, wo die Stralauer Allee auf der Südseite noch nicht bebaut ist, die Lampen brennen lässt und dort, wo bereits Häuser stehen und deshalb auch Menschen sind, sicherheitshalber nicht.

November 2017

Erneut werden die neuen Laternen untenrum freigelegt. Die Löcher bleiben lange offen, die halbherzigen Baustellenabsperrungen werden von mehreren Herbststürmen umgeworfen, verweht, auf die Fahrbahn getragen. Die Reihenfolge der Freilegung der neuen Masten erfolgt erneut streng nach dem Zufallsprinzip.

Verkehrssenatorin Günther stellt ein neues Muster für den Radwegbau vor: 2,25 Meter Breite, grün bemalt, baulich vom Straßenverkehr getrennt. Hat man bei uns also schon in weiser Voraussicht…? Nein, das wäre ja wirklich untypisch!

Dezember 2017

Alle Laternen leuchten. Alle. Die neuen und die alten, alle. Da es jahreszeitbeding praktisch nie hell wird, ist das zwar ein netter Service der Stadt, doch erscheint er mir irgendwie unnötig teuer. Doch Moment, alle Laternen? Nein, Matthis leuchtet gar nicht mehr. Der Gehweg sieht aufgrund der zigfachen Öffnung aus wie ein Streuselkuchen. In einer Parallelstraße sind nach einem Neubauprojekt mehrere DDR-Beton-Laternenmasten schief, kaputt und sehen gefährlich aus. Dort ist keine Erneuerung in Sicht.

Januar 2018

Mir fällt auf, dass an den alten Laternenmasten unserer Straße weiterhin die Suchschilder der Energiebetriebe zum Auffinden von Wasser- und Gasleitungen hängen. Es war aber auch wirklich keine Zeit, die schon umzumontieren. Mir graut schon davor, wenn die Gehwege wieder mindestens drei Mal geöffnet werden müssen, um die alten Laternen abzubauen. Doch das wird wohl noch dauern.

Mai 2018

Erstaunlich schnell werden alle alten Laternen freigelegt, vom Netz genommen und ausgegraben. Ein Sammeltransport nimmt sie alle mit – natürlich samt der Schilder für die Gas- und Wasserleitungen. Ab jetzt darf es keine Havarie mehr geben, denke ich mir, Leitungen sind zumindest mit Schildern nicht mehr auffindbar – und ich habe keine Pläne. Die Krater, die die ausgegrabenen alten Laternen hinterlassen, bleiben offen.

Juni 2018

Das Abgeordnetenhaus beschließt das neue Berliner Mobilitätsgesetz und gibt dem Fahrradwegausbau nun neuen Schub. Also zumindest ist das der Plan, wenn ich es richtig verstehe.

Herbst 2018

Die Elsenbrücke, am östlichen Ende der Stralauer Allee gelegen, ist ein Totalschaden. Bei Wartungsarbeiten wird festgestellt, dass die Konstruktion nicht zu retten ist. In den folgenden Monaten wird ein möglichst komplizierter Plan ausgearbeitet, der einen seitenweisen Abriss vorsieht und die anschließende Errichtung von Behelfsbrücken, die dann der neuen Brücke im Weg stehen. Dadurch wird die Bauzeit für das Vorhaben von vornherein auf mindestens zehn Jahre geschätzt.[2] Praktischerweise sieht die neue Brückenplanung keine Möglichkeit für den Weiterbau der A100 vor, so dass der Bundesverkehrsminister direkt verlauten lässt, die Brücke könne nach ihrer zehnjährigen Bauzeit dann auch wieder abgerissen werden, um den Planungen des Bundes zu weichen.[3]

Januar 2019

Die Hausverwaltung überrascht mit der aus einem Gespräch mit dem Bauamt gewonnenen Erkenntnis, dass die Radwege der Stralauer Allee in diesem Jahr dran sind. Mehr Details habe man noch nicht aber auf jeden Fall passiert da dieses Jahr was.

Februar 2019

Die Oberbaumbrücke, am westlichen Ende der Stralauer Allee gelegen, muss saniert werden. Dort wurden nach der Wende Tramgleise gelegt, um die Straßenbahn irgendwann von der Warschauer Straße weiter zu verlängern in den Westen, nach Kreuzberg. Das ist aber nie umgesetzt worden, man konnte sich nie wirklich zu einer Verlängerung der Straßenbahn durchringen. Rot-Rot-Grün braucht diese Tramgleise nun wohl nicht mehr und lässt sie im Zuge der Sanierung entfernen.

Frühling 2019

Die Stralauer Allee wird zur Einbahnstraße. In den folgenden Monaten werden die Gullys überwiegend ausgetauscht, versetzt, erneuert. An vielen Stellen werden in die Bordsteine Eck-Gullys eingelassen, die extra viel Wasser aufnehmen werden können, wenn es stark regnet. Dazu wird die Straße an vielen Stellen immer mal wieder quer aufgeschnitten, irgendwas wird verlegt und wieder zugemacht. Das ganze erfolgt wie immer streng nach Zufallsprinzip und mit einer Ruhe und Geduld, die jeden Mikadoweltmeister erblassen lassen würde. Von Radweg keine Spur.

Ein Verkehrskollaps bleibt aus. Eigentlich könnte ich mich an die Einbahnstraße gewöhnen.

September 2019

Matthis wird in Rekordzeit versetzt. Nicht getauscht, nein, versetzt. Der alte DDR-Mast mit neuem Leuchtkopf zieht mithilfe eines Krans einen halben Meter näher Richtung Bordsteinkante.

Endlich werden nun auch alle Altlaternenlöcher wieder asphaltiert. Offensichtlich hat man damit gewartet, bis Matthis umgezogen ist. Hinweisschilder zu Wasser und Gas gibt es weiterhin nicht.

Oktober/November 2019

Die Oberbaumbrücke ist fertig und wird wieder für den Verkehr freigegeben. Der Senat feiert die tollen neuen, sicheren Radwege auf der Brücke.[4]

Januar 2020

Es wird angekündigt, dass der Fahrradweg an der südlichen Seite der Stralauer Allee dieses Jahr aber nun wirklich hergestellt werden soll. Dies teilt die Hausverwaltung nach Gesprächen mit dem Bauamt mit. Details gäbe es noch immer keine. Ob das mal nicht zu knapp wird?

10.Juli 2020 – vormittags

Nach anderthalben Jahren Bauzeit an den Gullys ist ein Polizeigroßeinsatz nötig. Die Polizei sperrt die Straße, ein Bautrupp entfernt die Baustellenbarken, Einbahnstraßenschilder und gelben Fahrbahnmarkierungen, danach wird die Straße wieder in beide Richtungen freigegeben.

10.Juli 2020 – nachmittags

Ein neuer Bautrupp kommt und nimmt der östlichen Fahrtrichtung eine Fahrspur weg durch Warnbarken, Schilder und gelbe Fahrbahnmarkierungen. Eine Vollsperrung der Elsenbrücke scheint sich heute Mittag spontan angekündigt zu haben.

22.Juli 2020

Irgendwer hat festgestellt, dass die gerade fertiggestellten neuen Radwege auf der Oberbaumbrücke doch nicht so ganz dem neuen Mobilitätsgesetz entsprechen[5]. Die Brücke hat keine Straßenbahngleise mehr, dafür aber Radwege, die noch unsicherer sind als vorher. Diese werden nun zunächst hektisch durch Plastiklappen, dann durch Betonhindernisse von der Fahrbahn getrennt und anschließend angemalt. 20 Meter vor der Kreuzung zur Stralauer Allee endet aber der Fahrradstreifen plötzlich und unerwartet in der Abbiegespur der Autos. Für meinen Geschmack ist das sehr gefährlich und gaukelt eine Sicherheit nur vor.

Dezember 2020

Die Telekom hat eine fantastische Idee. Also das will ich zumindest hoffen, denn für diese Idee gräbt sie alle paar Meter ein Loch in den Gehweg der Stralauer Allee. Beim Umkurven der vielen Löcher stelle ich aber immerhin fest, dass es Schilder gibt zum Auffinden von Gas- und Wasserleitungen, zumeist an den Hauswänden. Das finde ich schlau, die werden seltener ausgegraben.

Januar 2021

Die Telekom ist fertig, die Löcher werden verschlossen. Es bleiben dicke Narben im Gehweg.

Gleichzeitig wird das dritte Jahr in Folge angekündigt, irgendwas mit Radweg zu machen. Ich höre nicht richtig hin, als die Dame der Hausverwaltung routinemäßig vom Gespräch mit dem Bauamt berichtet.

22.Februar 2021

Alle Bäume der südlichen Straßenseite werden gefällt. Alle Bäume? Nein, nur die, die wir gegossen haben und noch ein paar dicke alte Kastanien kurz vor der Elsenbrücke. Andere dicke alte Kastanien in der Nähe der Oberbaumbrücke dürfen stehen bleiben. Wer hat das ausgelost?

April 2021

Nach eingehender, also jahrelanger Prüfung und Erörterung, beschließt der Senat die Verlängerung der Straßenbahnlinie M10 über die Warschauer Straße hinaus. Man entscheidet sich, die Linie künftig über die Oberbaumbrücke zu führen. Schade, dass dort noch keine Gleise liegen. So bleibt gesichert, dass unsere Straße bis Inbetriebnahme 2030 eine Baustelle bleibt.[6]

Um einen Vorgeschmack zu erhalten, reißt ein anderer Internetanbieter schon wieder den Gehweg auf.

August 2021

Da von Bauarbeiten hinsichtlich eines Radwegs bislang keine Spur ist und mir völlig unklar ist, warum ein Teil der Bäume gefällt wurde und ein anderer Teil nicht, stelle ich eine Anfrage an das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg.

Aus der öffentlich einsehbaren Antwort[7] an mich geht hervor, dass ein „den derzeitigen Anforderungen“ entsprechender neuer separater Radweg auf der südlichen Seite der Stralauer Allee gebaut werden wird.

Hierzu wolle man Asphalt verwenden, in unserem Straßenabschnitt wird der Radweg zwei Meter breit und auf dem ehemaligen Baumstreifen verlaufen. Im westlichen Straßenabschnitt wird der Radweg breiter (2,50 m), dafür dürfen die Bäume stehenbleiben und es wird ein Fahrstreifen geopfert. Warum dies in unserem östlichen Straßenabschnitt nicht möglich war, bleibt rätselhaft. Ersatzpflanzungen von Bäumen sind nicht vorgesehen. Dafür sei einfach kein Platz, so die Antwort weiter. – Ist ja auch nur eine „Allee“, was braucht es da Bäume.

Der Radweg werde nicht durch Farbauftrag abgegrenzt, unterscheide sich jedoch in der „Materialität Asphalt deutlich vom Gehweg aus Betonsteinplatten“. Bezüglich des Zeitplans ist man wie gewohnt optimistisch. Zwar ist Anfang September noch überhaupt nichts zu sehen und laut Antwort des Bezirksamt sei man gerade erst dabei, Angebote einzuholen, man rechnet aber damit, dass „bis März 2022“ alles fertig sei. Ambitionen muss man ja haben.

September 2021

Berlin wählt. Oder anders ausgedrückt, die Bürger versuchen wirklich ihr Möglichstes, obwohl sie von der Verwaltung so gut es geht boykottiert werden. Über diese Wahl wird gesondert zu berichten sein. Rot-Rot-Grün verliert, kann aber als Rot-Grün-Rot weitermachen.

März 2022

Ich prüfe den Zeitplan des Bezirksamts und stelle fest, dass bislang noch nicht mit irgendwelchen Arbeiten zur Herstellung eines Radwegs begonnen wurde. Unsere Bäume hätten also noch mindestens ein Jahr stehen bleiben können. Wir überlegen, ob wir die Baumscheiben einfach wieder bepflanzen sollen.

Juli 2022

Durch Zufall entdecke ich, dass viele Laternen nicht mehr leuchten. Vielleicht ist es ein Drittel, vielleicht auch die Hälfte. Ist das ein Versuch, Strom zu sparen, nach dem Vorbild belgischer Autobahnen, wo nur noch 50% der Laternen leuchten?

Zeitgleich kommt in Berlin eine Diskussion auf, warum man noch immer Straßenlaternen mit dem knapper werdenden Gas beleuchten muss. Zudem scheint es seit Jahren nicht möglich zu sein, diese auszuschalten tagsüber, weil entsprechende Schalter schon lange, lange defekt sind.

September 2022

Die BZ hat nachgerechnet: In den letzten Jahren wurden in Berlin 60.000 Straßenbäume gefällt aber nur 28.000 nachgepflanzt. Wir haben den Klimawandel fest im Griff.

Derweil wird vor der Stralauer Allee Hausnummer 17C eine neue, zusätzliche Straßenlaterne gebaut. Das dauert natürlich ein paar Wochen und erfordert mehrere Öffnungen des Gehwegs.

Zwischen Bossestraße und Rochowstraße wird außerdem stadteinwärts eine Fahrspur abgetrennt für Fahrräder, quasi ein Popup-Fahradweg. Das Chaos bleibt aus. Grundsätzlich wäre also auch ein baulich getrennter Radweg auf der Nordseite der Allee denkbar.

5.Oktober 2022

Der Tagesspiegel meldet, dass in der Europacity 30 Bäume gefällt werden müssen, die erst seit 2015 auf dem Mittelstreifen der Heidestraße standen. Der Boden sei ungeeignet gewesen für die verwendete Baumart. Irgendwie hatte ich mir grüne Politik immer anders vorgestellt.

Am gleichen Tag beginnt der Abriss des alten Fußwegs samt der Baumscheiben in unserem Straßenabschnitt – exakt 590 Tage nach Baumfällung.

Allein der Abriss dauert allerdings. Die Arbeitszeit des Bautrupps endet täglich um 15:30 Uhr, ein Zweischichtsystem ist an einer Bundesstraße nicht nötig. Der Fortschritt von Tag zu Tag ist, nun sagen wir mal, für Laien schwer zu ermitteln.

26.November 2022

Die neue, zusätzliche Laterne vor Hausnummer 17C scheint orange. Ich prüfe das mehrfach aber es bleibt dabei – während alle Laternen der Straße, inklusive Matthis, in kühlem Weiß daherkommen, ist diese eine, noch neuere Laterne, nun wieder in DDR-Orange unterwegs.

Dezember 2022

Der ehemalige Regierende Bürgermeister Müller gibt dem Spiegel ein vielbeachtetes Interview. Er berichtet von seinem harten Leben als Bürgermeister. Jahrelang habe er versucht, eine bestimmte, ewig brennende Laterne vorm Roten Rathaus auszubekommen und dies auf allen Ebenen angesprochen – ohne Erfolg, die Laterne leuchte noch immer. Mir schwant nichts Gutes.

Januar 2023

Der Tagesspiegel vermeldet, dass lediglich 27 Kilometer Radweg in Berlin bislang den Vorgaben des Mobiltätsgesetzes entsprechen. Von 2700 geplanten. Glatt 1 Prozent.[8] Noch im Dezember hatte es geheißen, der Senat wisse selber nicht, wieviele Kilometer Radweg dem Mobiltätsgesetz entsprechen. Insofern könnte man hier von einem kleinen Fortschritt sprechen.

So ist auch am Molkenmarkt am Roten Rathaus nach mehreren Jahren Bauzeit die Straße fertig und mit ihr die Radwege. Fahrräder fahren hier aber weiterhin nicht entsprechend der neuen Standards, da die Planungen angeblich in den sechs Jahren der grünen Herrschaft über die Verkehrsverwaltung nicht mehr an die eigenen Gesetze angepasst werden konnten.

Februar 2023

Berlin wählt schon wieder und diesmal bleiben die Pannen so klein, dass die Wahl Bestand hat – wahrscheinlich.

Der Radweg auf der Südseite unserer Stralauer Allee ist fertig. Er ist handvermessene 1,80 Meter breit und damit schmaler als die mir vom Bezirksamt in Aussicht gestellten 2 Meter und natürlich auch schmaler als die vom Mobilitätsgesetz vorgesehenen 2,30 Meter – die ich übrigens auch als „derzeitige Anforderung“ interpretieren würde, von der in der Antwort des Bezirksamt ebenfalls die Rede war. Der Gehweg ist statt der in der Antwort angedachten 2,20 Meter bis 2,45 Meter nur 1,50 Meter breit geworden. Man muss, wenn man Pressemitteilung, Anfrageantwort und Zollstock nebeneinanderlegt davon ausgehen, dass das Bezirksamt absolut keine Ahnung hat, wie breit der Bereich zwischen Hafenmauer und Bordsteinkante ist, es fehlt ein ganzer Meter. Die farbliche Trennung erfolgte in hellgrau (Gehweg) und dunkelgrau (Radweg), es sei denn, es regnet, schneit, friert, ist dunkel, es liegt Streusalz oder das ganze altert jetzt ein wenig.

Die Umsetzung entspricht kurzum in keiner Weise dem Mobilitätsgesetz. Durch den wirren Verlauf des Radwegs mit mehrfachen Wechseln zwischen Fahrbahnebene und Gehwegebene ohne Hinweistafeln, ohne bauliche Abtrennung und ohne Farbauftrag ist er eigentlich gemeingefährlich und ich sehe eine Korrektur wie auf der Oberbaumbrücke fast als alternativlos.

März 2023

Vor der Hausnummer 19 wird schon wieder der Gehweg aufgerissen und sukzessive auch vor anderen Häusern. Man entschließt sich, die Kabeltunnel aus Beton auszutauschen, die unter dem Gehweg liegen und mit großen Betondeckeln abgedeckt sind. Blöderweise ist das natürlich nicht einfach, denn es liegen sehr viele Kabel darin. Falls Ihr mal eine Stadt baut: Ich würde aus der Beobachtung der Baustelle empfehlen, erst diese Tunnel zu legen und anschließend ab und an neue Telekom- und weiß-ich-was-Kabel durchzuziehen.

Hätte man übrigens jedes Mal, wenn der Gehweg aufgerissen wird, den betreffenden Bereich gepflastert und nicht wieder zuasphaltiert, wäre der ganze Gehweg der Nordseite inzwischen gepflastert. Und alle Hauswände, die durch die Schachtungen auf dem Gehweg zwischenzeitlich freigelegt waren, könnten schon isoliert sein.

Derweil ist die Baustelle vor Hausnummer 17 fertig, wo in den letzten zwei Jahren die letzte Bombentrichter-Baulücke der Straße geschlossen wurde. Offenbar hat man es zur Bauauflage gemacht, einen Radweg farblich getrennt mitzubauen. Vor Hausnummer 17 können Radfahrer von nun an auf der Nordseite der Allee auf einem roten, breiten Radweg fahren. Bei 17a ist aber auch schon wieder Schluss mit dem Spaß. Einen Plan zum gesamthaften Ausbau des Radwegs auf der Nordseite gibt es ja bekanntermaßen nicht, da muss man auch schon mal ein bisschen Verständnis mitbringen, wenn man als Fahrradfahrer auf einen Rollator stößt.

Fortsetzung folgt (Seite wird aktualisiert, Podcast-Episode bleibt bei Stand März 2023)

[1] https://www.tagesspiegel.de/berlin/die-posse-um-die-falsche-eckfahne-in-prenzlauer-berg-3719038.html

[2] https://www.berlin.de/sen/uvk/verkehr/infrastruktur/brueckenbau/elsenbruecke/

[3] https://www.bz-berlin.de/berlin/treptow-koepenick/mit-dieser-brueckenplanung-torpediert-berlin-die-a100

[4] https://www.berlin.de/sen/uvk/presse/pressemitteilungen/2019/pressemitteilung.855347.php

[5] https://www.tagesspiegel.de/berlin/radweg-zwischen-friedrichshain-und-kreuzberg-nun-doch-absperrungen-auf-der-oberbaumbruecke/26027174.html

[6] https://www.berlin.de/sen/uvk/verkehr/verkehrsplanung/oeffentlicher-personennahverkehr/projekte-in-umsetzung/s-u-warschauer-strasse-bis-u-hermannplatz/#:~:text=Stra%C3%9Fenbahnneubaustrecke%20Warschauer%20Stra%C3%9Fe%20%E2%80%93%20Hermannplatz%20(M10%2DVerl%C3%A4ngerung),-Direkt%20zur%20Kontaktinformation&text=Berlins%20bekannteste%20Stra%C3%9Fenbahn%20w%C3%A4chst%20%C3%BCber,zum%20U%2DBahnhof%20Hermannplatz%20f%C3%BChren.

[7] https://fragdenstaat.de/anfrage/baumfallungen-stralauer-allee-ersatzpflanzungen-bauplan/#nachricht-623563

[8] https://www.tagesspiegel.de/berlin/wir-haben-erst-einen-minimalanteil-erledigt-erst-42-prozent-von-2700-kilometern-radwegenetz-in-berlin-fertiggestellt-9270081.html?bezuggrd=CHP&utm_source=cp-vollversion

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